Die Welterklärung

Vishal Mangalwadi, The Book That Made Your World: How the Bible Created the Soul of Western Civilization, Thomas Nelson Publishers 2011, 442 Seiten.

(Deutsch: Das Buch der Mitte. Wie wir wurden, was wir sind: Die Bibel als Herzstück der westlichen Kultur, Fontis – Brunnen Basel, 2016, 608 Seiten.

The Book that Made Your World

Was ist das „christliche Abendland“? Welche Werte haben unseren Kulturkreis, die westliche Welt, geformt? Welche Mächte und Kräfte haben die „jüdisch-christliche Tradition“, wie sie heute gerne genannt wird, geprägt? Immer wieder schon habe ich die Erfahrung gemacht, dass ein Außenblick, die Betrachtung aus der Ferne, Erkenntnisse und Einsichten schenkt, die dem verwehrt bleiben, der nur den Blick von Innen kennt.

Der indische Philosoph, Sozialarbeiter, Christ und Politiker Vishal Mangalwadi gibt in seinem Werk „Das Buch der Mitte“ (Wie wir wurden, was wir sind: Die Bibel als Herzstück der westlichen Kultur) Antworten auf diese Fragen. Seine Kernthese bringt der englische Titel noch besser auf den Punkt: „The Book That Made Your World: How the Bible Created the Soul of Western Civilization“. Der Einfluss der Bibel auf die Geschichte der vergangenen 2000 Jahre ist nicht zu überschätzen.

Es ist erstaunlich, wie nahe einem ein Werk kommen kann, dessen Autor vom geografisch und kulturell so weit entfernten indischen Subkontinent stammt. Und doch hat mich „The Book That Made Your World“ von der ersten Seite an gefesselt, fasziniert und mir manche Zusammenhänge aufgezeigt, die sich mir vorher so nicht erschlossen hatten. Von den  Büchern im Bereich zwischen Theologie und Geschichte, die ich gelesen habe, hat mich dieses vielleicht am meisten beeindruckt.

Das liegt zum einen daran, dass Mangalwadi westliche Kultur, Geschichte und Lebensgefühl sehr gut kennt. Er stellt Zusammenhänge zwischen Kurt Cobain, Nirvana und dem Einfluss hinduistischer Denkmuster auf die gegenwärtige westliche Gesellschaft her. Über die Geschichte des Mönchstums und die Entstehung wissenschaftlichen Denkens schlägt er den Bogen zum Aufkommen von Demokratien, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten. Er erklärt, wie Kultur und zivilisatorische Standards entstanden – und wieso sie heute wieder in Gefahr sind.

Mangalwadi spart Schattenseiten der westlichen Geschichte wie Kolonialismus, Sklaverei und Kriege nicht aus. Aber er zeigt erstaunlich klar: Immer dann, wenn Menschen ihr Leben und Handeln wahrhaftig von der Bibel inspirieren und leiten ließen, erwuchsen daraus viele segensreiche Wirkungen für Menschen und ihre Art zu leben. Zum Glück haben das viele Menschen immer wieder getan. Besonders eindrücklich sind die Schilderungen Mangalwadis aus seiner indischen Heimat, wo Elend, Not und Korruption häufig durch den Einsatz von Christen bekämpft wurden – auch von ihm selbst.

„The Book That Made Your World“ ist ein äußerst lehrreiches Buch, das mit vielen Mythen und Missverständnissen aufräumt. Eine geläufige und häufig zu hörende Annahme ist etwa, das bürgerliche Freiheiten, die moderne Wissenschaft oder auch die Abschaffung der Sklaverei in Abgrenzung von christlichem Denken erkämpft werden mussten. Mangalwadi zeigt eindrucksvoll, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Zwar war die Rolle der Kirche als Institution oft ambivalent – aber sehr viele Individuen, die seit der Antike Freiheit, Forschung und friedliches Zusammenleben vorangebracht haben, bezogen sich dabei auf die Bibel und gewannen Kraft aus ihrem christlichen Glauben.

Bewertung: 5 von 5 Geistvoll-Punkten.

 

Gottes Willkommenskultur

David W. Shenk, Christen begegnen Muslimen. Wege zu echter Freundschaft, Neufeld Verlag 2015, 216 Seiten, 14,90 €.

Shenk - Christen begegnen MuslimenMit mehr als 1,5 Milliarden Anhängern ist der Islam nach dem Christentum die zweitgrößte Religion der Welt. Inzwischen leben auch Millionen Muslime in Deutschland und anderen europäischen Ländern – eine Tatsache, die vielen Sorgen bereitet oder sogar Angst macht. Neben eher diffusen Ängsten vor kultureller Überfremdung befürchten viele, dass insbesondere konservative Formen des Islam unsere Gesellschaft verändern – vom Kopftuch über den getrennten Sportunterricht bis hin zu Ehrenmorden. Auch die Angst vor Terror wächst, nicht zuletzt nach den furchtbaren Anschlägen vom 13. November in Paris. Deshalb ist meiner Meinung nach dieses Buch von Shenk sehr wichtig.

David W. Shenk wurde 1937 in Ostafrika als Kind von Missionaren geboren. Der Theologe und Anthropologe hat viele Jahre in muslimischen Ländern gelebt und enge Beziehungen mit vielen Muslimen geknüpft. Dabei hat er festgestellt: Jesus ruft uns Christen dazu auf, auf alle Menschen versöhnungsbereit zuzugehen und unsere Freundschaft anzubieten – denn Gott selbst ist allen Menschen gegebenüber freundlich gesinnt. Dabei ist es Shenk besonders wichtig, keine Zweckbeziehungen einzugehen, sondern einfach das Beste für die Menschen um uns herum zu suchen. Im vorliegenden Buch beschreibt er die Besonderheiten, die er bei Beziehungen mit Muslimen immer wieder erlebt hat.

Vorab gesagt: Man spürt an den Worten David W. Shenks die große Wertschätzung, die er gerade Muslimen entgegen bringt. Und diese Wertschätzung und ein grundlegender Respekt sind für ihn auch elementar in der Begegnung mit ihnen. In zwölf Kapiteln beschreibt er, welche Aspekte er in christlich-muslimischen Freundschaften für wichtig hält. Zentral ist für ihn, um den eigenen Glauben als Christ zu wissen, zur eigenen Identität zu stehen und den Weg Jesu konsequent zu leben. Das hat ihn selbst ihn sehr viele Begegnungen geführt, von denen er eindrücklich erzählt. So hat er auch mit gewaltbereiten Dschihadisten gesprochen und mit ihnen über die Versöhnung und den Frieden durch Jesus geredet.

Bei der Frage, wie man sich mit Muslimen über Glaubensfragen austauschen sollte, vertritt er eine ungewöhnliche Sichtweise. Er liest mit Muslimen den Koran und die Bibel und sucht Gemeinsamkeiten zwischen den Schriften. Er ermutigt die Muslime, sich mit dem Bild Jesu im Koran auseinanderzusetzen und sieht die Heilige Schrift des Islam als Hinweis auf Jesus. Das ist sicherlich der Punkt, an dem Shenk am angreifbarsten ist. Andererseits: er macht keine Abstriche von der Offenbarung Gottes in Jesus Christus und dem Wahrheitsanspruch des Sohnes Gottes. Gerade deshalb nehmen in Muslime ernst, die gar kein anderes Religionsverständnis kennen.

Die christliche Kirche hat eine besondere Verantwortung, Frieden zu stiften – in unseren heimischen Ländern und weltweit. Das ist die tiefe Überzeugung des mennontischen Theologen Shenk. Er positioniert sich klar: „Ich glaube, der Leben spendende Weg, der Weg, der von Heilung und Hoffnung in unserer modernen Welt spricht, ist der Weg Jesu, dessen offene und verwundete Hände uns einladen, zu ihm zu kommen. In Jesus gibt es Vergebung und Versöhnung auf der tiefsten Ebene unseres Lebens.“ (S. 207)

Und an anderer Stelle: „Wo immer Mauern hochgezogen werden, ist es der Auftrag der Kirche, im Zusammenwirken mit dem Heiligen Geist und den Menschen des Friedens, die Mauern einzureißen. Wir müssen dort Buße tun, wo wir selber trennende Mauern aufgebaut haben, und uns stattdessen dafür einsetzen, Brücken des Friedens zu bauen.“ (S. 172)

Shenks Buch ist berührend, bewegend, aufrüttelnd und herausfordernd. Es wirft viele Vorurteile über den Islam über den Haufen und ruft uns den dringenden Auftrag Jesu in Erinnerung, alle Menschen zu lieben – und besonders in Muslimen Menschen zu sehen, die Gott suchen und ihm dienen wollen. Bei dieser Suche kommt es darauf an, wie überzeugt und überzeugend wir selbst den Weg Jesu gehen. Denn als Christen haben wir tatsächlich nur eine mögliche Antwort auf Hass und Gewalt: den Weg der Liebe, des Friedens und der Versöhnung.

Bewertung: 5 von 5 Geistvoll-Punkten.

Kühl/Kubitschek – Maggie Gobran

Kubitscheck, Judith und Kühl, Judith: Maggie Gobran – Die Mutter Teresa von Kairo, Adeo Verlag 2015, 280 Seiten, 17,99 Euro.
Maggie Gobran
Ein Segen für Ägypten

Viele Menschen suchen ihr Leben lang nach Glück und Zufriedenheit. Auch die Ägypterin Maggie Gobran suchte lange nach Erfüllung, ohne sie wirklich zu finden. Dabei hatte sie vieles: eine Familie, beruflichen Erfolg, gesellschaftliche Anerkennung. Und doch fehlte ihr etwas. Erst bei den Ärmsten der Armen, den „Müllkindern“ in den Slums von Kairo, entdeckte sie, was ihrem Leben wirklich Sinn und Erfüllung gab: die Liebe Gottes weiterzugeben. Die Autorinnen Judith Kubitscheck und Judith Kühl erzählen die Lebensgeschichte von Maggie Gobran auf einfühlsame und sprachlich ansprechende Weise, in einfachen Worten, ohne Pathos und doch unglaublich berührend.

Maggie Gobran wird 1949 in Kario in eine wohlhabende Familie hineingeboren, genießt die beste Ausbildung, wird erfolgreiche Marketingmanagerin und schließlich Informatikprofessorin. Sie liebt schicke Kleider, schnelle Autos und das schöne Leben. Bei Besuchen in der riesigen „Müllstadt“ Mokattam, in der sich viele tausend Menschen buchstäblich von Müll ernähren, erfährt sie, in welcher unvorstellbaren Armut viele Menschen leben. Sie beginnt, den „Zabbalin“ zu helfen und sich besonders um die Kinder zu kümmern. In vielen Geschichten schildern die Autorinnen, wie sie den Kindern zum ersten Mal überhaupt elementare Bedürfnisse erfüllte – Essen, Sauberkeit, menschliche Wärme, und ihnen so Hoffnung gab.

1989 verabschiedet sie sich ganz aus ihrem alten Leben und gibt ihre Stelle als Professorin auf. In den 25 Jahren seit dieser Entscheidung baute sie mit vielen Mitarbeitern das christliche Werk „Stephen’s Children“ auf, das heute 95 Kindergärten betreibt, dazu Familienzentren und Schulen. Prof. Gobran wird zu Mama Maggie, irgenwann meist „die Mutter Teresa“ von Kairo“ genannt. Sie ermöglicht den Kindern den Zugang zu Bildung, gibt ihnen Selbstvertrauen und wäscht ihnen die Füße. Der Leser erfährt nebenbei viel über die „Zabbalin“, von denen insgesamt 100 000 in einer Art Parallelwelt in Kairo leben.

Maggie Gobrans Leben wird wird mit der Zeit immer einfacher, reduzierter. Ein starkes Symbol dafür: sie verkauft ihren ganzen Schmuck, um vom Erlös die Armen zu versorgen. Ihre Lebenshaltung beschreibt sie mit dem Dreiklang „Beten, Fasten und Geben“ – das ist für sie der Schlüssel zum Glück. Sie macht die Erfahrung:  „Großzügigkeit ist ansteckend“, und lässt sich im Laufe der Jahre auch von vielen Rückschlägen nie entmutigen. Und auch davon gibt es genug, von Hindernissen durch die ägyptische Bürokratie bis hin zu einem brutalen Anschlag auf einen Kindergarten.

Nebenbei erfährt man viel über die ägyptische Gesellschaft – und auch, wie sich inzwischen manches zum Besseren gewandelt hat. Und vieles nicht. Immer noch ist an vielen Orten die Not groß und es gibt genug zu tun für Mama Maggie und ihre vielen Helfer. Eine große Rolle spielt auch die Tradition der Kopten, der ägyptischen Christen und besonders die lange Geschichte der Wüstenmönche. Maggie findet häufig bei Klosteraufenthalten neue Kraft und auch ihr Sohn ist inzwischen vom erfolgreichen Ingenieur zum Mönch geworden.

Viele lebendig erzählte Geschichten machen dieses Buch absolut lesenswert und bewegend. Eine kleine Schwäche ist einzig eine etwas wirre Chronologie, die den Leser oft im Unklaren lässt, wann welcher Abschnitt nun gerade spielt. Aber das ist bei vielen der Anekdoten und persönlichen Schilderungen auch gar nicht so wichtig.

5 von 5 Geistvoll-Punkte.

Zindel – Gestillt

Zindel, David: Gestillt. Nachtgespräche mit David, Neufeld Verlag 2014, 142 Seiten, 12,90 Euro.

David Zindel - GestilltEin himmlischer Briefwechsel

Zugegeben: ich war diesem Buch gegenüber zunächst etwas skeptisch. Grund ist die ungewöhnliche Konstellation: ein mit allerlei Problemen geplagter Familienvater schreibt Briefe an den verstorbenen König David, der vom Himmel aus antwortet. Ein gutes Drittel des Werkes lang hat sich diese Skepsis bei mir eher verstärkt, zumal der Autor nicht einmal den Versuch einer Rahmenhandlung oder Erklärung der Konstruktion unternimmt. Dazu kommt, dass auch die Briefe selbst inhaltlich und stilistisch etwas holprig anmuten. So ist David einerseits weiser König, der aus himmlischer Perspektive vieles durchschaut, andererseits noch ganz in der Zeit des alten Israel verhaftet.

Dennoch trägt die originelle Grundidee. Die Hauptfigur Reinhold ist zwar etwas holzschnittartig gezeichnet (er ist zwar Christ, aber dennoch vollständig von Karriere, Autos und Machodenken besessen), doch gerade an der Zuspitzung seiner Schwächen wird dann auch eine Wandlung deutlich. Und das ist die große Stärke des Buches: Es präsentiert Einsichten über das Leben mit Christus nicht von oben herab als allgemeingültige Weisheiten, sondern von David als himmlischem Seelsorger wohldosiert in die Lebenssituationen des ausgebrannten Marketingplaners Reinhold hineingeschrieben. Die schrittweise Erkenntnis der fehlbaren Haupfigur kann der Leser so gut nachvollziehen.

Ganz schön finde ich, wie David in seinen Briefen Gedanken von Paulus, Edith Stein und Matthias Claudius einfließen lässt. Diese Passagen zählen zu den stärksten des Buches. In der zweiten Hälfte werden die Briefe dann immer lebensnaher und lebendiger, so dass einem Reinhold immer näher kommt. Sehr gut, dass Daniel Zindel auch der Versuchung widerstanden hat, seine Hauptfigur in jeder Hinsicht eine 180-Grad-Wendung vollziehen zu lassen und etwa die großen Eheprobleme wie von Zauberhand aufzulösen. So wird deutlich: der Glaube kann eine gewaltige Kraft im Leben sein und vieles von Grund auf verändern – aber das braucht viel Geduld und die Bereitschaft, sich darauf einzulassen.

Bewertung: 4 von 5 Geistvoll-Punkte.

Kadel – Fussball-Bibel

Kadel, David: Fussball-Bibel (WM-Edition), Gerth Medien 2014, 554 Seiten, 9,99 Euro.

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Die Wahrheit liegt nicht (nur) auf dem Platz

Bei der Weltmeisterschaft in Brasilien sind sie wieder ständig zu sehen: Fußballer, die sich vor dem Spiel bekreuzigen, nach einem Tor die Hände zum Himmel recken und sich nach Spielen bei Gott bedanken. Die Bilder sind schon zum Teil der Fußball-Folklore geworden, sind leicht als Ritual zu belächeln oder als Masche abzutun. „Beim Fußball geht es nicht um Leben und Tod – es geht um viel mehr“ soll der Schotte Bill Shankly einmal gesagt haben. Das trifft den fast religiösen Charakter, den Fußball häufig besitzt. Um so wichtiger ist es, darüber nachzudenken, was wirklich im Leben zählt.

Der Journalist, Kabarettist und Autor David Kadel zeigt in seiner „Fussball-Bibel“, dass sich bei vielen Kickern hinter den öffentlichen Bekenner-Gesten mehr verbirgt: ein Glaube, der sie trägt und stärkt, unabhängig vom sportlichen Erfolg und dem Fortschritt der Karriere. Prominente Namen sind da versammelt und erzählen aus ihrem Leben jenseits des Platzes: Jürgen Klopp zum Beispiel, oder Cacau, David Alaba, Lewis Holtby und Robert Lewandowski.

Sehr persönlich schildern die Stars, an was sie glauben. Eben nicht einfach an eine Art himmlischen Talisman, den sie vor Elfmetern und Beistand anflehen, sondern an einen allmächtigen und zugleich persönlichen Gott, der Vergebung und Kraft schenkt und ihnen in Höhen und Tiefen nahe ist. David Kadel schafft es, sehr amüsant Geschichten aus der Fußball-Welt mit Wahrheiten und Einsichten des Glaubens zu verbinden. Neben den Lebenszeugnissen der Kicker enthält das Buch eine Ausgabe des Neuen Testaments in verständlicher Sprache.

Ein lohnenswerter Blick hinter die Kulissen des Hochglanz-Geschäfts Fussball auf das, was wirklich zählt!

Bewertung: 4 von 5 Geistvoll-Punkte.

 

Schroeter – Endlich wieder am Meer

Udo Schroeter: Endlich wieder am Meer, Adeo Verlag 2014, 176 Seiten, 16,99 EUR.

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Frischer Lebenswind

Diese Rezension zu schreiben, ist Zeitverschwendung. Dieses Buch ist geistig viel zu flach. Seine einfachen Botschaften sind lebensfremd und praktisch kaum anwendbar. Der Autor macht es sich mit seinem Gerede von Glück und Erfüllung viel zu einfach … STOP!

Während ich diese Rezension schreibe, ist mein Kopf schon wieder kräftig am Staudammbauen. So würde es Autor Udo Schroeter seinen Buch-Weisen Leif sagen lassen. Der ist ein alter Mann, der dem zivilisationsmüden Daniel beim Angeln das Leben erklärt.

Das Staudammbauen beginnt laut Leif in der Kindheit: „Du sollst, du musst, du darfst nicht!“ – das sind die Bausteine, aus denen eine große, graue Mauer wird, die uns von der Stimme unseres Herzens trennt. Stellvertretend für den Leser leidet Daniel an den Folgen: innere Leere, der Job als Hamsterrad, ein unerfülltes Leben.

Auf der Insel mit Leif kommt er wieder zu sich – im Wortsinne. Stein für Stein baut er den Staudamm ab, besinnt sich aufs Wesentliche: die Nähe zur Natur, die Dankbarkeit für alltägliche Dinge, wertschätzende Beziehungen. Erfüllt und glücklich kehrt Daniel heim ans Festland, auf dem Weg zu einem selbstbestimmten und glücklichen Leben.

Ja, Schroeter bedient sich einfachster Bilder, allen voran das absichtslose Angeln als Symbol für das befreite Leben im Einklang mit sich selbst. Das Leben als Reise, der richtungweisende Wind als Sinnbild für die Intuition. Und doch sprechen diese Bilder elementare Wahrheiten an, schließlich sind die einfachen Botschaften keineswegs immer falsch.

An die Stelle der negativen Konditionierung der Kindheit rückt bei Daniel Stück für Stück eine neue Lebenszuversicht: du darfst, du kannst, tu was du willst! Das mag naiv erscheinen, kindlich – und das soll es auch. Denn in Leifs Weltsicht fließt in der Kindheit der Lebensstrom ungebremst und wird erst im Lauf des Lebens durch Staudämme gebremst.

Wer sich seinem Herzen neu öffnet, wird auch Gott entdecken. Das ist die letzte Etappe auf Daniels innerer Insel-Reise. Der Schlüssel dazu ist Dankbarkeit. Wer lernt, auch für einfach Dinge dankbar zu sein, entdeckt den Weg zu Gott und damit zu einem erfüllten Leben. Denn der Bund mit Gott ist die Basis und Quelle für eine gelingende Lebensreise, innerlich wie äußerlich.

„Endlich wieder am Meer“ ist ein kluger Lebensratgeber, der hilft, sich auf das Wesentliche (neu) zu besinnen. Wertvoll ist das Buch für alle, die sich im Hamsterrad des Alltags verrannt haben und einen neuen Sinn fürs Leben suchen. Die Schwäche des Buchs ist nicht die naive Naturromantik, sondern eine simplifizierende Sicht des Lebens: Weder sind Kinder frei von beschwerlichen Lebensumständen, noch hängt das Glück immer nur von einem selbst ab.

Schroeter schreibt fast ein wenig wie ein deutscher Paulo Coelho, ebenfalls mit einem leichten Hang zur Esoterik, aber weniger schwülstig. Ausdruckskraft gewinnt sein Buch auch durch schöne Fotos von Meer und Küste. Es liest sich leicht, ohne seicht zu sein: die etwas andere Strand-Lektüre, durchaus empfehlenswert.

Bewertung: 3,5 von 5 Geistvoll-Punkte.

 

Ballnik – Vaterseelenallein

Peter Ballnik: Vaterseelenallein. Warum Kinder einen Vater brauchen und wohin es führt, wenn er fehlt.

ImageRettet die Väter!

Jedes Kind hat einen Vater. Und jedes Kind braucht einen Vater. Diese biologisch, sozial und psychologisch wahren und wichtigen Sätze sind heute immer weniger selbstverständlich. Der Psychotherapeut Peter Ballnik führt in seinem faszinierenden Buch „Vaterseelenallein“ aus, welche Gründe und fatalen Folgen der Abstieg der Väter in unserer Gesellschaft hat und hält ein leidenschaftliches Plädoyer für die Wiederentdeckung und Stärkung des Vaters.

Von „Problemjugendlichen“, die gewalttätig werden, über selbsternannte Gotteskrieger, ihre Doktorarbeit fälschende Politiker bis hin zu fast allen Dikatoren – für sie alle gilt: sie wuchsen ohne Vater auf oder haben zumindest eine schwierige, konfliktbeladene Beziehung zu ihrem Vater gehabt. Peter Ballnik hat als Therapeut mit vielen Jugendlichen zu tun, die ihren Platz in der Gesellschaft nicht finden, die straffällig werden, sich und anderen Gewalt antun, die innerlich leer und haltlos sind. Ihnen fehlt meist ein (guter) Vater, und damit jemand, der sie an der Hand nimmt, ihnen Zutrauen in sich selbst und die Welt gibt und Grenzen setzt.

Peter Ballnik entwertet keineswegs die Rolle der Mutter; im Gegenteil, ihr wird seiner Meinung nach heute oft zu viel aufgebürdet. Aber er betont, dass beide Elternteile unterschiedliche Rollen haben. Die Mutter gibt eher Schutz, Geborgenheit, bedingunslose Liebe, der Vater fordert heraus, führt hinaus in die Welt, hin zu vertrauensvollen Beziehungen zu Menschen außerhalb der Familie und setzt Grenzen. Er ist die „Brücke ins Leben“. Vater und Mutter gemeinsam geben dem Kind das psychologische Rüstzeug, dass es braucht, um glücklich, produktiv und sozial zu leben. Die Alternativen: Mediensucht, zerstörerisches Verhalten, Verantwortungslosigkeit gegenüber der Gesellschaft, Exzesse der Gier, Gewalt, Rücksichtslosigkeit.

Der Autor beschreibt eindrucksvoll, dass Vaterlosigkeit keineswegs ein Unterschichten-Thema ist. Erfolgreiche Manager sind abwesend, weil sie in den Beruf flüchten. Sie hinterlassen genauso eine Leerstelle in der Seele eines Kindes, wie das Kind eines armen Alkoholikers oder eines verantwortungslosen Vaters, der einfach abhaut. Und Ballnik geht viel weiter: er beschreibt, wie die Infragestellung der Männerrolle insgesamt das Vatersein schwermacht. Die Pädagogik insgesamt „verweiblicht“ – so dass schon das ganz normale rabaukenhafte, laute, spielerisch-kämpfende Verhalten von Jungen negativ bewertet wird.

Ballnik zeigt manche historische Zusammenhänge der Degradierung der Vaterrolle auf – wie zum Beispiel bereits im 19. Jahrhundert die Väter fast nur noch für den Broterwerb zuständig waren, aber keine wirkliche Rolle mehr in der Kindererziehung spielten. Im 20. Jahrhundert wurden als Folge der Kriege viele Kinder vaterlos oder erlebten nur noch traumatisierte, seelisch verkümmerte Väter. Auch manche Auswüchse des Feminismus führten laut Ballnik dazu, dass Männer heutzutage gesellschaftlich, psychologisch und auch rechtlich eher benachteiligt sind. Bei Trennungen haben sie es vor Gericht viel schwerer als die Mütter, für viele negative Entwicklungen der Gesellschaft (z. B. Finanzkrise) wird unreflektiert die Schuld bei den Männern gesucht, anstatt tiefer zu fragen, wie wichtig gerade aktive, selbstbewusste, männliche Väter wären, um Heranwachsenden Stabilität und Moral zu vermitteln.

Ballniks Buch ist erschreckend. Es rührt an manche Tabus – verurteilt aber niemanden. Es zeigt einfach Zusammenhänge auf, die häufig unmittelbar einleuchten – und doch sonst kaum in dieser Deutlichkeit ausgeführt werden. Deshalb ist dieses Buch so wichtig. Es benennt menschliche Grundeinsichten, die verloren zu gehen drohen, zum Beispiel das Männer und Frauen, Jungs und Mädchen unterschiedlich sind – und dass es elementar wichtig ist, diese Unterschiede nicht einzuebnen, sondern sie zu bejahen und in Freiheit zu leben. Sonst nehmen Menschen persönlich Schaden – und auch die Gesellschaft insgesamt wird krank. Wahrscheinlich werden einige dem Zeitgeist ergebene Stimmen dieses Buch als konservativ oder gar reaktionär auffassen. Dabei ist es weitgehend ideologiefrei und von Erfahrungen geprägt. Es ist einfach ein leidenschaftliches Plädoyer für eine aussterbende Spezies: die Väter.

Bewertung: 4,5 von 5 Geistvoll-Punkte